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A beloved murderer

Published at: Die Weltwoche

Key words: Colombia, politics, society, ideas, violence.

 

Vor einem Vierteljahrhundert wurde Pablo Escobar, der mächtigste und brutalste aller Drogenbarone, erschossen. Im nach ihm benannten Viertel in Medellín wird der einstige Kokain-König noch immer als Wohltäter verehrt

 

Francisco und Irene Flores, er 99, sie 89 Jahre alt, präsentieren mir stolz ihr kleines Häus­ chen. Die kahlen Wände bunt gestrichen, an der Decke sieht man den blanken Stein. Die kleinen Zimmer sind vollgestellt, an der Wand hängt ein Bild, darauf Jesus, am Kreuz hän­ gend. Aus einer Schublade kramt Irene ein Foto von Pablo Escobar hervor, während sie stolz von ihm zu erzählen beginnt. Von ihm und seinen guten Taten, die er für die Leute hier im Viertel vollbracht habe.

Sie spricht von Escobar, als sei er der Enkel, der viel zu früh gestorben ist. Sie schwelgt in Erinnerungen an ihn, in Anekdoten – so ver­ ständnisvoll sei er gewesen, damals, als er in der Innenstadt von Medellín sein Büro hatte und sie einfach mit ihm eine Tasse Kaffee trinken konnte. Er habe sich ja immer für alle Bewohner Zeit genommen, für deren Sorgen und Nöte. Er habe immer zugehört. Ganz anders als die vom Staat. Escobar sei da gewesen für die Ärmsten der Armen in Kolumbien, die auf einer Müll­ halde gelebt hätten, er habe ihnen diese Häuser, ja die ganze Siedlung geschenkt. Auch das Haus von Francisco und Irene ist eines davon – Häu­ ser, die alle gleich aussehen, die alle eher an Schuppen erinnern als an massive Bauten. Ob­ wohl sie aus Stein gebaut sind – darauf legen die Einwohner hier grossen Wert.

Ich frage zunächst nur zögerlich nach Esco­ bar und der Gewalt, die er über das Land ge­ bracht hat. Jenseits dieses Viertels im heutigen Medellín werden die Leute nicht gerne an den Massenmörder erinnert. Dort ist man froh, die­ ses dunkle Kapitel Kolumbiens hinter sich ge­ lassen zu haben. Doch auf Escobar angespro­ chen, sprudelt es aus Irene nur so heraus: «Ich habe nie gesehen, wie Pablito Gewalt ange­ wandt hat. Das wird einfach so gesagt. Er war katholisch, er hat sich doch immer nur selbst verteidigt – für mich war er wie ein Heiliger, er schenkte mir schliesslich dieses Haus!» 

«Hier atmet man Frieden» 

Noch heute sehen diese Häuser aus wie Bau­ ruinen – nie wirklich fertiggestellt, aber be­ reits im Begriff, zu zerfallen. Sie sind auf einen Berg gebaut, eines neben dem anderen, zusammengeschustert, als seien sie ein Ver­ such gewesen, eine Reihenhaussiedlung zu er­ richten. Aber bei dem Versuch ging irgend­ wann das Baumaterial aus. Sie sind aus Steinen gebaut, aber ohne Hülle, ohne Fassade, ohne jeden Putz. Völlig nackt, man sieht jede Fuge und jede Spur des schnellen Bauens. 

Dieses Viertel im Osten der pulsierenden Me­ tropole Medellín, in der heute 2,7 Millionen Menschen leben, wurde in den 1980er Jahren von Pablo Escobar gebaut, es trägt bis heute seinen Namen: «Willkommen im Barrio Pablo Escobar. Hier atmet man Frieden», steht auf einer Betonmauer. In der Luft scheint der Geist Escobars zu schweben.

Der «Selbstverteidigung» Escobars, wie Irene seine Taten umschreibt, fielen neben vielen Zivilisten und Clan­Angehörigen 500 Polizis­ ten und 30 Richter zum Opfer – alle ermordet durch Escobar oder dessen Gefolgschaft. Pro getöteten Polizisten setzte er ein Kopfgeld von tausend Dollar aus, er liess ein Flugzeug durch einen unwissenden Selbstmordattentäter so­ wie das Gebäude des Geheimdienstes DAS in die Luft sprengen.

Pablo Emilio Escobar Gaviria, geboren am 1. Dezember 1949 in Rionegro bei Medellín, ge­ storben am 2. Dezember 1993 in Medellín – er­ schossen auf der Flucht vor der Polizei. Sein Vater war Bauer, die Mutter Dorfschullehrerin. Seine kriminelle Karriere begann früh: Als Schüler stahl er Grabsteine auf dem örtlichen Friedhof und verscherbelte diese an Schmugg­ ler aus Panama. Mit Anfang zwanzig begann er mit Kokain zu handeln. Sein kolumbianisches Koks verdrängte in den USA Marihuana als Modedroge und veränderte damit den gesam­ ten Markt. Mitte der achtziger Jahre kontrol­ lierte er achtzig Prozent des weltweiten Ko­ kainhandels und wurde als einer der reichsten Männer der Welt auf der Forbes­Liste geführt.

Pablo Escobar war von Beginn an völlig skrupellos und räumte jeden aus dem Weg, 

der seinem Geschäft in die Quere kam. In den Anfängen des Kokainschmuggels von Kolum­ bien in die USA, als er noch «Bodypacker» be­ nutzte, waren ihm hochschwangere Frauen besonders willkommen. Ihren Tod wegen auf­ geplatzter Päckchen im Darm nahm er billi­ gend in Kauf.

Gleichzeitig investierte er seine enormen Gewinne in Grundbesitz – da war es nur prak­tisch, auf einer Müllhalde ein Viertel für die Allerärmsten, die vorher auf ebenjener Halde gelebt hatten, zu errichten, diesen ein ver­ meintlich besseres Leben zu schenken und sich als Retter der Bedürftigen feiern zu lassen. Immerhin waren diese schnellgebauten Häu­ ser aus Stein und nicht aus Wellblech, welches sonst die kolumbianischen Favelas ziert. Und Steinhäuser, das wussten auch die Allerärms­ ten, das war etwas Besseres. 

Vom Staat gab es nur ein Blutbad 

Ich treffe den Bürgermeister des Viertels, Wber­ ney Zabala Miranda, der seit zwölf Jahren im Amt ist. An den Wänden seines Büros hängen lauter Diplome, die ein Porträt Escobars um­ rahmen, vor dem eine Kerze steht, die er jeden Abend anzündet. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Miranda, vor seinem Escobar­Altar kniend, seinen Heilsbringer anbetend.

Seine Vision für das Viertel: eine bessere Bildung, Investitionen in Schulen und Sport­ zentren. Seine tägliche Arbeit: Probleme be­ züglich Wasser und Strom beheben, den Stras­ senbau vorantreiben, die Legalisierung aller Häuser im Viertel – bis heute gelten zwanzig Prozent der Escobar­Bauten als illegal. Die Fussballfelder und Schulen, die Escobar sei­ nerzeit vor laufenden Kameras versprach, gibt es bis heute nicht – überall in den Strassen sehe ich Kinder, die mit Hilfe aufgemalter Tore Fussball spielen.

Der 44­Jährige findet es ungerecht, dass die Bewohner des Escobar­Viertels im übrigen Medellín stigmatisiert würden – der Staat sol­ le den Fortschritt endlich erkennen und auch die Anstrengungen, die hier unternommen würden. Die «bösen Taten» Escobars sollten endlich verziehen und die «guten» – wie der Bau des Viertels hier – gewürdigt werden. Auf die Morde Escobars angesprochen, erwidert der Bürgermeister: «Er hat Fehler gemacht, ja. Aber wer ist schon frei von Fehlern?» Ausser­ dem sei er Teil einer Kultur gewesen, «das war damals einfach so».

Sind die «Narcos» eine kulturelle Bewe­ gung? Bevor ich diesen Gedanken weiterver­ folgen kann, drückt mir Miranda einen Zettel in die Hand – darauf habe er aufgelistet, wer zu Escobars Lebzeiten ebenfalls Verbrechen begangen habe. Diesen Zettel müsse ich un­ bedingt mitnehmen. Miranda befürchtet offenbar, ich könne seine Aufzählung auf dem Weg aus dem Escobar­Viertel vergessen. Sie alle hätten Verbrechen begangen – aber nur einer habe auch Gutes zustande gebracht, nur einer habe den Armen Häuser, Essen und Kleidung geschenkt. Escobar habe Baukräne aufgestellt, der Staat nur ein Blutbad ange­richtet, so der Bürgermeister. Zu diesem uner­ schütterlichen Glauben an Escobar gelangte der heutige Bürgermeister des Viertels, als ihm der Drogenboss in seiner Kindheit begegnete: Escobar fragte die Schüler, was sie am drin­ gendsten benötigten, und schenkte allen Kin­ dern im Viertel daraufhin Schulhefte und Fussbälle – beeindruckend für einen zehnjäh­ rigen Jungen, der in Armut aufwuchs. 

Fortschritt sucht man vergebens

Es liegt auf der Hand, dass Escobar mit der Errichtung dieses Viertels Menschen in gröss­ ter Armut half – Menschen, die auf einer Müll­ halde lebten, sich vom Müll ernährten, Men­ schen, die sich vom Staat im Stich gelassen fühlten. Doch weil der Staat das Viertel seines grössten Widersachers zunächst nicht aner­ kannte – es war weder auf Stadtplänen ver­

zeichnet, noch war dort die Polizei zugegen –, konnten sich Jugendbanden ausbreiten, die den Ortsteil dann regierten. Anders als das übrige Medellín, das heute eine moderne Me­ tropole ist und als Vorzeigestadt Kolumbiens gilt, gleicht das Viertel noch immer einer Blase von Escobar­Gläubigen. Heute leben dort 16 000 Menschen, Schulen gibt es keine, Fort­ schritt, in welcher Form auch immer, sucht man vergebens.

Die Zeit scheint stillzustehen im Viertel Pablo Escobar – nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Strom hier keine Selbstver­ ständlichkeit ist.