Der Mostbröckli-König von Bogotá
 

Field Producer, translator and photographer for David Karasek

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Als er den Kopf nach links dreht, blickt er in den Lauf eines Revolvers. Und spürt, wie sich die Kugel durch das Fleisch seines Zeigefingers bohrt. Der Schütze steht direkt neben seinem Wagen, die Waffe hält er ins geöffnete Fenster. Es ist warm an diesem Abend in Bogotá. Der nächste Schuss trifft ins Schwarze. Die Kugel schlägt in seiner Stirn ein, genau dort, wo beim Rind das Bolzenschussgerät angesetzt wird. Er sackt zusammen, doch wie eine nervöse Kuh, bei der aufgrund ihrer Unruhe der Schuss nicht exakt platziert werden kann, verliert er das Bewusstsein nur für Sekunden, wird wieder wach und spürt kurz darauf die dritte Kugel in seinem Rücken. Diese schmerzt ihn «wie ein Saucheib», wie er später sagen wird. Das Blut rinnt ihm über Gesicht und Körper. Er stellt sich tot, wie ein erlegtes Tier. Wie die nicht korrekt sedierte Kuh kämpft auch er gegen das Geschlachtetwerden an – doch er ist stärker als das Vieh, er überlebt. Es ist Januar 1963.

Er, das ist Hans Koller. Und mit Säuen und Kadavern kennt er sich aus. Hans Koller ist Appenzeller, und Hans Koller ist Metzger. Seine Metzgereien betreibt er in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, in die er Anfang der 60er-Jahre ausgewandert ist. Eigentlich wollte er immer nach Australien – die Welt bereisen, fremde Kulturen kennen lernen, etwas anderes sehen als die Appenzeller Berge. So bedurfte es nicht viel Überredungskunst, als er, damals noch Metzgerlehrling, von einem Kollegen aus Kolumbien das Angebot bekam, dort Wurst zu produzieren. Immerhin liegt Kolumbien auf halber Strecke zu seinem Wunschkontinent, dachte sich der junge Schlachter. Wie abenteuerlich sich seine Auswanderung gestalten würde, sollte er schnell bemerken. Denn die Luft ist dünn in den Bergen Kolumbiens, auf 2600 Meter Höhe.

Am 11. Juni 1961 kam er nach einem endlos erscheinenden, 27-stündigen Flug in Bogotá an. Die KLM-Maschine kam in extreme Turbulenzen, er musste derart kotzen, dass er das Datum der Ankunft nie vergessen wird. Wie der Hinflug verlief auch der Start in dem so fremden Land: holprig. Ganz anders als im beschaulichen Appenzell bestimmen in den 60er-Jahren Hektik, Strassenlärm und Kriminalität den Alltag in Bogotá. Genau in diesen Jahren beginnt der brutale Konflikt zwischen der Regierung und den kommunistischen Farc-Rebellen. Ihre Einnahmequellen: Erpressung, Drogenhandel, Raub. Darum die Schüsse auf Hans Koller.

Niemand traute sich in seinen Laden

Am Rand der Stadt entstehen Elendsviertel. Sie sind bezeichnend für das Leben in Bogotá. Wichtige Infrastrukturen in diesen Quartieren fehlen bis heute, viele Menschen leben ohne Wasserleitungen. Die Arbeitslosigkeit ist mit den Jahren der Unruhe ständig gestiegen, sodass die Einwohner nur wenig Geld für Nahrungsmittel ausgeben können. Wurst war zudem unbeliebt, Fleisch musste billig sein. Präsentation, Vielfalt oder gar Exotisches wie Mostbröckli waren weder gewohnt noch gewollt.

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Der zurückhaltend wirkende Schweizer Metzger hatte zunächst einen schweren Stand bei den Einheimischen. Er erzählt, dass sich in den ersten Jahren kaum jemand in seinen Laden traute. Das Geschäft lief so schleppend, dass er abends das Fleisch verschenkte. Doch seine Idee von Sauberkeit, Aufgeräumtheit und die abendlichen Gratissnacks waren es schliesslich, was die Neugierde der Leute weckte. Stolz berichtet Koller, dessen buschige Augenbrauen beim Sprechen geradezu tanzen und den Gesprächspartner einzuladen scheinen, seinem Takt zu folgen, von einer Begebenheit, die ihn die Herzen der Anwohner erobern liess: Eine ältere Dame hielt seine ausgelegte Rinderbrust für Entrecote, und er zog sie nicht, wie bei den ortsansässigen Metzgern laut Koller üblich, über den Tisch und jubelte ihr die Rinderbrust überteuert unter, sondern klärte sie auf. Diese ehrliche Art, für ihn selbstverständlich, für die kolumbianische Kundschaft neu und bewundernswert, half ihm, so ist sich der Metzger sicher, in Bogotá Fuss zu fassen und die Menschen für sich zu gewinnen.

In all den Jahren hat er nicht nur seinen breiten Appenzeller Dialekt behalten, sondern auch ein Appenzeller Wurstimperium in Bogotá aufgebaut. Seine fünf Metzgereien gehören zu den grössten in Bogotá, mittlerweile arbeiten seine kolumbianische Frau und alle seine Kinder in dem Betrieb. Dass Wurst nicht zu den Lieblingsspeisen der Kolumbianer gehörte, nahm Koller zur Kenntnis, eingeschüchtert hat es ihn nicht. Im Gegenteil: Mit Cervelat und Mostbröckli brachte er Spezialitäten nach Bogotá, die reichere Kundschaft anlockt.

Und immer wieder die Hygiene. Darauf legt er Wert. In Sachen Reinheit hat Koller dort neue Massstäbe gesetzt, darauf ist er stolz. Was für Schweizer Metzger Standard ist, ist in Bogotá die Ausnahme. Fliegen sitzen auf den Schinken und sich stapelnden Fleischklumpen. Verkauft wird alles, was nicht wegläuft. Bei Koller hingegen durchlaufen die Mitarbeiter verschiedene Hygieneschleusen, und die angelieferten Schweinehälften werden erneut gewaschen, bevor sie weiterverarbeitet werden. Für kolumbianische Verhältnisse gleicht das einem Waschzwang. Als Schweizer jedoch fühlt man sich zu Hause, die gut situierten Einwohner Bogotás wissen es zu schätzen, und mittlerweile kaufen auch ärmere Bürger bei Koller ein. Qualität setzt sich durch, daran hat Hans Koller immer geglaubt. «Das Fleisch ist kolumbianisch, aber alles andere ist Schweizer Güte», schwärmt Koller. Auf seine Herkunft ist er sichtlich stolz, und so vermarktet er sich auch – die Verpackung seiner Waren verziert eine Zeichnung seines Geburtshauses in Appenzell. Ein Holzbauernhaus, rundherum Kühe und Edelweiss. Für den Schweizer konnte es besser nicht laufen.

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Juni 1994. Dieses Mal sind es zwei Maschinenpistolen, die auf ihn gerichtet sind. Nicht nur bei Schweinen, auch unter Kriminellen wird das Schlachten automatisiert. Wieder ist er im Auto unterwegs, wieder geschieht alles so schnell, dass ihm kaum Zeit zum Atmen bleibt. Er spürt dumpfe Schläge auf Kopf und Rücken, dann wird er gefesselt, geknebelt und in einen Kofferraum verfrachtet. Genau wie Kühe beim Transport weiss er nicht, wie ihm geschieht, Todesangst begleitet ihn. Entführt am helllichten Tag, auf dem Weg zu seiner Farm, liegt er jetzt zusammengepfercht im Dunkeln. Die Täter laden ihn in einem Waldstück ab, lassen ihn dort liegen. Doch er schafft es, sich zu befreien. Er überlebt auch diesen Viehtransport, entkommt abermals dem Tod und rettet sich ein zweites Mal vor der Schlachtbank.

Zwar kam er bei diesem Überfall ohne Narben davon, doch auch diese Attacke hinterlässt Spuren. Insgesamt waren die 1990er-Jahre geprägt von Unruhen zwischen der Staatsgewalt und den grossen Drogenkartellen Cali und Medellin. Die Folge waren zahlreiche, meist unbeteiligte Opfer. Wie Koller. Sein erster Gedanke: Rückzug in die Schweiz. Und zwar sofort. Man könnte sagen, er hatte einen Kolumbien-Koller. Doch schon nach einer Woche besann er sich auf seine neue Heimat, seine Kinder und seine Frau. Ihm wurde klar, dass Kolumbien nun sein Zuhause ist, und er blieb. Aber er sagt heute: «Im Herz, tief drin, bleibst du Appenzeller. Egal ob ich hier in Bogotá lebe. Ist ja ziemlich auf Säntis-Höhe.»

Aus Narben wurden Falten

Seine Metzgerei wurde zu einem grossen Familienbetrieb. Doch mittlerweile denkt der inzwischen 76-Jährige, der die schweren Kühltüren mit Leichtigkeit öffnet und sich täglich persönlich vom korrekten Ablauf in der Fabrik überzeugt, über das Aufhören nach. Seine beiden Töchter und sein Sohn, die sich bereits seit geraumer Zeit um Finanzen, Qualitätskontrolle und Produktion kümmern, werden bald übernehmen, die Appenzeller Fleischproduktion in Bogotá ist also gesichert.

Zwar ist seine Narbe auf der Stirn mit der Zeit Falten gewichen, aber die Überfälle und die unsichere Gesamtsituation in Kolumbien sind auch an Koller nicht spurlos vorbeigezogen. Seine Fabrik wird von Kameras und Sicherheitspersonal überwacht, in den letzten Jahren hat er häufiger von den Schüssen geträumt, und es falle ihm zusehends schwer, darüber zu sprechen. Zeit, sich zurückzuziehen und das Schlachtfeld der nächsten Generation zu überlassen. Aufgeklärt wurden die Verbrechen an Koller übrigens nie – so hektisch, wie es in Bogotá zugeht, so überlastet ist auch die Justiz in Kolumbien. Fälle wie diese kommen meist erst gar nicht vor Gericht.