Auf dem wildesten Laufsteg der Welt:

Wie eine Designerin mit Mode neue Hoffnung schenken will

Kann Stil das Leben von Obdachlosen, Prostituierten und Junkies positiv verändern? Unterwegs im modischen Untergrund Kolumbiens. 

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Field Producer and translator for David Karasek

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Ein Model aus dem berüchtigtsten Quartier Santa Fe in einem Entwurf der Designerin und

Streetworkerin Diamantina Arcoiris.

In einem alten VW Bus, genauer gesagt, einem T2, kurvt Diamantina durch die bunten, wirren Strassen Santa Fes, einem der berüchtigtsten Viertel Bogotás, der Hauptstadt von Kolumbien. Der alte Bus ist zweifarbig lackiert, oben weiss, unten blau. Hierzulande würde solch ein relativ gut erhaltenes Exemplar sicherlich stolze Summen auf dem Oldtimer-Markt bringen. Aber für Diamantina ist er schlicht ein Fortbewegungsmittel, das ihr zudem genügend Raum für ihre Arbeit bietet.

Diamantina Arcoiris ist 36 Jahre alt und in Bogotá aufgewachsen. Sie kennt diese Stadt, ihre Elendsviertel und deren Bewohner. Jeden Abend zwischen 22 und 1 Uhr ist Diamantina, deren Vorname nur für europäische Ohren nach extravagantem Künstlernamen klingt, aber für Kolumbien ganz normal ist, unterwegs, auf der Suche nach Junkies, Prostituierten, Trans-Menschen. Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, für die es in diesem katholischen strenggläubigen Land keinen Platz gibt. Das Quartier Santa Fe gilt als extrem gefährlich, als unberechenbarer Drogenumschlagplatz, eine Gegend, in der Prostitution und Waffenschmuggel den Alltag bestimmen.

Auf den Strassen stehen überall kleine Verkaufsstände, in denen die landestypischen Maistaschen angeboten werden. Dazwischen grell geschminkte Prostituierte, deren Körper für wenig Geld zu haben sind. In den Hauseingängen sitzen Jugendliche und rauchen «Bazuco», so wird hier Crack genannt. Man kann ihnen förmlich dabei zusehen, wie sie kollabieren, wie sie zerfallen, einer nach dem anderen. Niemand scheint verwundert, als ein junger Mann, nachdem er einen tiefen Zug aus seiner Crack-Pfeife genommen hat, die Augen verdreht und nach hinten wegkippt. Alltag in Santa Fe.

Nicht nur Hunde suchen hier verzweifelt nach Essbarem, selbst den Ratten, die teils über die Junkies klettern, sieht man ihre Not an. Wer hier lebt, ist ganz unten. Hier hinein wagen sich nur abgebrühte männliche Touristen, denen der Sex nicht billig genug sein kann – die Einwohner Bogotás kennen Santa Fe nur aus den Medien. Sie würden hier keinen Fuss hin setzen.

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Schneiderin Arcoiris mit einer Schülerin ihres Modeprojekts, zu dem sie der Drogentod ihres Bruders inspirierte.

Diamantina fällt auf. Sie trägt einen akkurat geschnittenen Pony, die restlichen Haare sind perfekt zu einem grossen Knoten zurechtgelegt. Kein Haar tanzt aus der Reihe. Sie ist farbenfroh und in ihrem eigenen, ganz speziellen Stil gekleidet, als sie ihre nächtliche Tour in ihrem VW beginnt. Der VW ist Modeatelier und Anlaufstelle für die Bewohner Santa Fes zugleich. Eine Art Falle, mit der Diamantina die kaputten Kreaturen des Viertels anlocke, um sie von ihren Süchten, Ängsten und Problemen abzulenken, wie sie sagt.

Ihr Köder: warme Getränke, vor allem «Tinto». Der kleine, pechschwarze Kaffee ist typisch für Kolumbien, quasi Nationalgetränk. Doch der Tinto ist nur der erste Schritt, eine vorsichtige Annäherung. Danach lädt Diamantina ihre Gäste ein, mit ihr gemeinsam zu sticken und zu nähen. Um das geht es vor allem.

In dem alten VW T2 zeigt die gelernte Designerin den Menschen aus Santa Fe, wie Nadeln und Faden schwingen müssen, um bunte Bilder auf weichen Stoffen zu produzieren. Was absurd klingt, erklärt Diamantina folgendermassen: «Das Sticken verändert den Fokus der Obdachlosen umgehend. Sie konzentrieren sich auf die Sticknadel und vergessen für eine Weile ihren tristen Alltag. Sie werden abgelenkt von Drogen und Gewalt, kommen zur Ruhe und können entspannen.»

 

Bunt, laut, wirr

Das Nähen im Bus ist jedoch nur der Anfang. Das eigentliche Ziel der Designerin ist es, diese Menschen weg von der Strasse zu holen. Zumindest für eine gewisse Zeit – hin zu ihren Nähkursen in ihrem eigenen Atelier. Dort, mitten in Santa Fe, rattern im ersten Stock alte Nähmaschinen. Der Geruch von Öl und Stoffen liegt in der Luft, überall liegen Stoffe und Nähutensilien, alles ist bunt, laut, wirr. Überall türmt sich Stoff – teurer, wie Diamantina sagt. Mode ist ihre Leidenschaft, und diese will sie den Junkies aus Santa Fe nahebringen. Was ihr hilft, was sie selbst glücklich macht, muss auch bei anderen funktionieren, glaubt sie.

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Sie verkauft nicht nur ihre eigenen Stücke, auch die Teile, bei denen die Menschen von der Strasse mithelfen und sie besticken, werden von Diamantina online angeboten. Erfolgreich, wie sie sagt. Sie selbst bezeichnet ihre Kollektionen als «Haute Couture», als hochwertige Ware, die von reichen Kolumbianern gekauft würden. Sie wähle nur die besten Stoffe aus, nur mit qualitativ hochwertigen Materialien arbeite sie. 

Das wüssten ihre Kunden zu schätzen, ihre Stücke seien begehrt und schnell verkauft. Alles online, versteht sich, in ihr Atelier im schmierigen Santa Fe wagt sich ihre Kundschaft nicht. Auch nicht zu den von der Designerin veranstalteten Modeschauen, die regelmässig auf der Strasse vor ihrem Atelier stattfinden: Obdachlose, Prostituierte, Junkies – die Menschen, die die Kleidung besticken, führen diese bei den Schauen auch vor. Auf der Strasse, ihrem Laufsteg.

Überhaupt scheint das Atelier grosse Anziehungskraft auf die Menschen des Viertels zu haben. Es ist viel los, an allen Tischen wird gestickt, im Hintergrund läuft das Radio und spielt kolumbianischen Pop. Seit über 20 Jahren arbeitet Diamantina schon als Schneiderin und Modedesignerin in Bogotá und verdient damit ihren Lebensunterhalt. Zwischen 150 und 2000 Franken zahlen die vergleichsweise Reichen aus dem Norden der Stadt pro Rock, Pullover oder Kleid. Von den Einnahmen finanziert Diamantina neue Stoffe und Stickutensilien. Einen anderen Job habe sie nicht.

Doch bevor Diamantina die Menschen auf der Strasse in ihr Atelier zu ihren Stickkursen einladen kann, muss sie diese erst einmal in ihrem alten VW-Bus von ihrer Kunst überzeugen. Während sie mit den Leute Konversation betreibt, ihnen von der Wohltat des Stickens und von ihren Modenschauen erzählt, kaut die extrovertierte Kolumbianerin unentwegt auf einem Kokablatt. Diese Koka-Kaublätter sind legal und sollen wach machen, ganz ähnlich dem kleinen, kolumbianischen Kaffee. 

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Modeschau in Santa Fe, vor dem Atelier, in dem die Kleider entworfen werden.

Wer hier unterwegs ist, sollte wirklich alle Sinne beisammen haben, obwohl das wohl auf die wenigsten Menschen hier zutrifft: Kaum jemand wirkt nüchtern, in dem Viertel wabert ein Geruch von Benzin und Urin, mit klarem Kopf ist das eigentlich nicht auszuhalten. Es ist laut, Salsamusik und ständiges Gehupe bilden einen wirren Soundteppich, der nur schwer zu ignorieren ist. 

 

An allen Ecken stehen grell geschminkte Frauen in knappsten Röcken, viele stammen aus dem benachbarten Venezuela. Sie sind hier, weil sie dem dortigen Leben entfliehen wollten. Genau sie steuert Diamantina mit ihrem VW-Bus an, verspricht eine Auszeit, eine kurze Erholung von der Sexarbeit.

Ordentlich gekleidet

Und tatsächlich, sobald Diamantina mit ihren alten Bus am Strassenrand parkt, die laut ächzenden Schiebetüren öffnet und den heissen, verführerisch duftenden Tinto aufsetzt, kommen die ersten Neugierigen und stellen sich an den Bus. Umgeben von den Menschen hier, wirkt Diamantina nicht mehr wie die Designerin, sondern verschwimmt, trotz gepflegtem Outfit und korrekt frisiertem Haar, optisch mit den Menschen.

Sie ist nun mehr Streetworkerin als Haute-Couture-Chefin, was ihr Konzept aufgehen lässt, so scheint es. Sie wolle zeigen, dass Santa Fe mehr sei «als nur eine dunkle Ecke der Gesellschaft», hat die Schneiderin gesagt. «Wenn Obdachlose auch an Modeschauen laufen können – schick frisiert, professionell geschminkt und ordentlich gekleidet – stärkt das ihr Selbstbewusstsein.»

Dieser Gegensatz – das Schmutzige und das Edle – wird bei den von Diamantina organisierten Modenschauen auf der Strasse ohne Zweifel deutlich. Manch einer der Modelkörper ist ausgezehrt und ungepflegt. Der Anblick widerspricht den Erwartungen des Zuschauers an einer Modeschau, nichts scheint logisch, alles ist etwas verwirrend. 

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Ein besseres Leben kann auch von aussen beginnen: Model im Fotostudio im Drogenviertel

von Bogotá.

Generalisieren zwecklos, Vorurteile verblassen. Nichts, was sich besser Situierte unter einem Viertel wie Santa Fe vorstellen, wird hier belegt – aber eben auch nicht widerlegt. Dementsprechend strahlen auch die Gesichter der Passanten, also der Einheimischen, die den Schauen im Vorbeigehen kurzzeitig beiwohnen, ziemliche Ratlosigkeit aus.

 

Der Drogentod ihres Bruders brachte Diamantina auf die Idee, ihr Stickprojekt zu gründen. Sie konnte nicht mehr länger zusehen, wie die Menschen sich hier auf- und den Drogen komplett hingaben. Ein Obdachloser habe es in den letzten drei Jahren durch ihre Hilfe geschafft, der Strasse und den Drogen zu entfliehen. Er unterrichte jetzt andere im Sticken. Darauf ist Diamantina besonders stolz.